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Befreiung von Sünde

 

In der Endzeit-Botschaft von William Branham, wie auch in anderen Glaubensrichtungen, wird folgende Vorstellung gelehrt: Ein Christ muss drei Gnadenwerke erleben: Rechtfertigung, Heiligung, Geistestaufe. Dieses Gedankengut hat, soviel ich weiss, mit John Wesley angefangen. Dieser lehrte, dass nach der Rechtfertigung ein zweites Gnadenwerk notwendig sei: Die Heiligung. Im folgenden zitiere ich einen kurzen Abschnitt aus dem Buch "George Whitefield - Der Erwecker Englands und Amerikas" von Benedikt Peters:

 

"An anderer Stelle sagte er (John Wesley, Anm.) die vollkommene Heiligung bedeute nichts Geringeres als die 'Zerstörung der alten Natur' und 'Befreiung von innewohnender Sünde'. Wesleys Ansichten unterschieden sich so erheblich von dem, was er von den Herrnhutern gelernt hatte, dass Graf Zinzendorf ihn fragte: 'Warum habt ihr eine neue Religion angenommen?' Im daraus erwachsenden Gespräch rief der Graf entsetzt: 'Ich anerkenne keine innewohnende Vollkommenheit in diesem Leben. Das ist der Irrtum aller Irrtümer! Christus ist unsere einzige Vollkommenheit. Alle christliche Vollkommenheit ist Glaube an das Blut Christi. Sie wird uns zugerechnet, sie ist uns nicht innewohnend. Wir sind vollkommen in Christus, wir sind nie vollkommen in uns selbst.' John Cennick, der langjährige Mitarbeiter Whitefields und späterer Herrnhuter, sagt: 'Herr Wesley und ich stritten uns oft, und das meistens, weil er sagte, dass wir nicht gerettet werden könnten, wenn wir keine andere Gerechtigkeit hätten als nur die uns zugerechnete. Auch, dass eine durch das Blut Christi gerechtfertigte Seele, welche die Gewissheit der Vergebung und vom Geist Gottes das Zeugnis der Gotteskindschaft hat, endgültig und ewig verloren gehen könne...' "

 

Ansichten über die Heiligung, wie sie hier von John Wesley berichtet werden, bedeuten in meinen Augen eine grosse Belastung für einen Christen. Wenn wir nämlich ehrlich sind, dann kann niemand behaupten, eine solche Vollkommenheit schon einmal wirklich erlebt zu haben. Keine einzige böse Regung mehr? Kein einziger schlechter Gedanke? Nein, daran glaube ich nicht. 

 

Nehmen wir als Illustration das fiktive Beispiel eines Mannes, der regelmässig Pornographie konsumiert. Bevor ich meine Überlegungen zum Thema "Heiligung" genauer ausführe, fasse ich meine Überzeugung anhand dieses Beispiels zusammen: Der Mann hat, sobald er an Jesus Christus glaubt, die Möglichkeit, mit dem regelmässigen Konsumieren von Pornographie aufzuhören. Das bedeutet nicht, dass er kein Verlangen mehr danach hat. Und es bedeutet auch nicht, dass keine lustvollen Gedanken mehr aufsteigen, wenn er zufällig ein pornographisches Bild sieht. Und es kann sogar passieren, dass er in einem schwachen Moment rückfällig wird, aber nicht so, dass ein regelmässiges Muster daraus wird. 

 

Zunächst möchte ich aus dem Buch "Martin Luther, Vorlesung über den Römerbrief (1515/1516)", Edition Evangelium 21, zitieren. Luther kommentiert hier Röm. 6,14 ("Die Sünde wird nicht herrschen können über euch.") und schreibt:

 

"Nicht als wäre ihm die Versuchung fremd, durch allzu grosse Schrecknisse eingeschüchtert, die Flucht zu ergreifen oder aber sich der Begierde in die Arme zu werfen, verlockt durch allzu betörenden Reiz (- denn er ist nicht unempfindlich gegenüber Lust und Grauen). Aber zuletzt willigt er doch nicht ein, wenn er auch nur mit äusserster Anstrengung und mit Schmerzen (kaum noch) widersteht und triumphiert nach jenem Wort (1. Petr. 4,18): 'Der Gerechte wird kaum gerettet werden.' Immer gleicht der Gerechte mehr dem Besiegten als dem Sieger, wenn er angefochten wird und im Kampf steht." (Hervorhebung durch mich)

 

Ich gebe zu, dieser Abschnitt überraschte mich sehr. Mehr noch, er war schwer zu akzeptieren. Wo ist hier die Vorstellung vieler Protestanten, die sich vielleicht einbilden, Luthers "allein der Glaube" bedeute ein bequemes Christenleben? Aber dann achtete ich auf die einfache Bedeutung der Aussage aus Röm. 6,14:

 

"Die Sünde wird nicht herrschen können über euch."

 

Die Frage ist, ob diese Aussage des Paulus wahr ist, oder ob sie nicht wahr ist. Wenn wir wirklich glauben, dass sie wahr ist, dann geben wir nicht auf, bis wir nicht mehr unter der Herrschaft der Sünde leben. Und was bedeutet es genau, dass wir nicht unter der Herrschaft der Sünde leben? Antwort: Wir empfinden die Versuchungen noch, unsere Gedanken und unsere Taten sind nicht vollkommen. Aber die Sünde kann uns nicht insofern beherrschen, als dass wir nicht in konkreten Taten bewusst widerstehen könnten. Wie im obigen Beispiel: Mit dem regelmässigen Konsumieren von Pornographie kann man aufhören. 

 

Mir ist es hier wichtig, zu betonen, dass es nicht darum geht, dass uns der christliche Glaube in unserer Freiheit durch gewisse Regeln einschränkt. Nein, ganz im Gegenteil: Es ist die Sünde, welche uns knechtet. Den Kampf gegen die Sünde gewissermassen "bis aufs Blut" austragen zu dürfen, ist ein Ausdruck der Freiheit, die Gott uns durch seinen Sohn Jesus schenkt. Wie in der Geschichte vom Exodus (2. Mose): Der Preis für die Freiheit ist das Leben in der Wüste. 

 

Dass weder regelmässige Tatsünden noch perfekte Vollkommenheit dem biblischen Bild entsprechen, wird durch den ersten Johannesbrief sehr schön aufgezeigt. Einerseits sagt Johannes (1. Joh. 2,1):

 

"solches schreibe ich euch, auf dass ihr nicht sündigt" 

 

aber dann fügt er sogleich hinzu:

 

"Und ob jemand sündigt, so haben wir einen Fürsprecher bei dem Vater, Jesus Christus, der gerecht ist."

 

Und ganz ähnlich am Ende des Briefes (1. Joh. 5,16):

 

"So jemand sieht seinen Bruder sündigen... der mag bitten, so wird er geben das Leben denen, die da sündigen..."

 

Und gleich zwei Verse später sagt er:

 

"Wir wissen, dass, wer von Gott geboren ist, der sündigt nicht..."

 

Wenn man den "Bruder", der ja offensichtlich auch ein Kind Gottes ist, sündigen sehen kann, dann meint Johannes in Vers 18 mit den Worten "der sündigt nicht" wohl nicht perfekte Vollkommenheit. Sondern es geht darum, dass es dem Normalzustand eines Christen entspricht, wenn er regelmässigen Tatsünden widerstehen kann. 

 

Und schliesslich müssen wir noch die Frage beantworten, was die Voraussetzungen für diesen Sieg über die Sünde sind. Braucht es zuerst ein "Wachstum im Glauben", oder ein zweites Gnadenwerk, oder etwas ähnliches? Ich meine nicht. In 1. Joh. 5,18 steht, "wer von Gott geboren ist, der sündigt nicht", und gemäss 1. Joh. 5,1 ist jeder von Gott geboren, welcher glaubt, dass Jesus der Christus ist:

 

"Wer da glaubt, dass Jesus sei der Christus, der ist von Gott geboren"

 

Und ebenfalls schreibt Johannes:

 

"Wer ist aber, der die Welt überwindet, wenn nicht, der da glaubt, dass Jesus Gottes Sohn ist?" (1. Joh. 5,5)

 

Weil Jesus auferstanden ist und jetzt lebt, deshalb kann er uns zur Seite stehen, uns helfen und die Kraft zu einem siegreichen Christenleben geben. Das Evangelium beinhaltet also nicht nur Vergebung der Sünden durch den Tod Jesu, womit alle Schuld zugedeckt wird. Das Evangelium beinhaltet durch die Auferweckung Jesu von den Toten auch die Verheissung der Kraft, welche notwendig ist, um uns aus der Herrschaft der Sünde zu befreien.

Weiter zu Die Hoffnung der Auferstehung.

 

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