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Fehlvorstellung des strafenden Gottes und des Endgerichts

 

Viele der folgenden Gedanken sind von einem Vortrag von Siegfried Zimmer inspiriert. 

 

Gerechtigkeit und Strafe

 

In der westlichen Welt sind wir an eine bestimmte römisch-europäische Vorstellung von Justiz und Strafe gewöhnt. Diese wird durch Justitia repräsentiert: Die verbundenen Augen bedeuten, dass vor dem Gesetz jeder gleich ist. Die Waage symbolisiert das genaue Abwägen der Sachlage und die genaue Strafzumessung. Und das Schwert deutet die unbarmherzige Härte der Strafe selber an. Wichtig ist dabei das Konzept der Strafe: Diese ist eine durch den Gesetzgeber (mehr oder weniger) willkürlich festgelegte Sanktion bei Übertretung des Gesetzes. 

 

Viele Christen haben aufgrund dieser Prägung eine entsprechende Vorstellung von Gottes Gerechtigkeit. Wenn Gott sagt, "von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen sollst du nicht essen", dann verstehen sie das als Gesetz und Gehorsamsprobe. Die Worte "welches Tages du davon issest, wirst du des Todes sterben", verstehen sie als vom Gesetzgeber (Gott) willkürlich festgelegte Sanktion oder Strafe bei Übertretung des Gesetzes. Beim Endgericht, so die Vorstellung schliesslich, wird Gott eiskalt, ohne Ansehen der Person, mit unbarmherziger Härte die Strafe vollziehen. Eine einzige Sünde wird dabei (so glauben viele) mit ewigen, endlosen Höllenqualen bestraft (inwiefern diese Strafe mit dem ursprünglichen "des Todes sterben" zusammenpasst, müsste dann auch noch geklärt werden). 

 

Ich glaube nicht, dass diese Vorstellung von Gerechtigkeit und Strafe ein biblisches Konzept ist. Es stimmt, Gott richtet "ohne Ansehen der Person" (Röm. 2,11). Damit ist gemeint, dass man Gott nicht bestechen kann, und dass weder Rasse, Geschlecht, Intelligenz, Reichtum, gesellschaftlicher Stand etc. in Gottes Gericht einen Unterschied macht. Aber Gott richtet nicht blind! Er schaut direkt ins Herz: "... da Gott das Verborgene der Menschen durch Jesus Christus richten wird laut meines Evangeliums" (Röm. 2,16). 

 

Und wie sieht es mit dem Konzept der Strafe aus? Im alttestamentlichen Hebräisch soll es tatsächlich kein Wort für "Strafe" geben! Vielmehr verbirgt sich hinter dem, was gelegentlich mit "Strafe" übersetzt wird, das Konzept der Tatfolge. Ein einfaches Beispiel: Wenn man stundenlang ohne Sonnenschutz in der prallen Sonne liegt, dann ist der Sonnenbrand keine Strafe, sondern eine Tatfolge. Im Beispiel von 1. Mose 2,17 ist der angekündigte Tod nicht eine Strafe, sondern die logische Tatfolge beim Essen vom Baum der Erkenntnis, wie ich hier etwas genauer erläutert habe. Ein weiteres Beispiel ist das "Urteil" über den Mörder Kain: "Unstet und flüchtig sollst du sein auf Erden" (1. Mose 4,12). Auch das ist eine logische Folge von Kains Tat: Ein Mörder (wenn das Gewissen nicht vollends abgestumpft ist) wird aufgrund seines Gewissens von Unruhe geplagt. 

 

Dass die Bibel das römisch-europäische Konzept der Strafe nicht kennt, macht die Realität des Bösen nicht harmloser. Die Bibel versteckt das Böse nicht, sondern berichtet unverblümt über allerlei Gräueltaten der Menschen. Und seit dem 20. Jahrhundert sollte eigentlich jedem klar sein, dass wir Menschen in der Lage sind, uns die "Hölle auf Erden" selber zu schaffen. All das ist die Folge davon, dass sich der Mensch von Gott abkehrt. 

 

Hölle

 

Was hat es mit der "ewigen" Hölle auf sich? Ich weiss, dass dies ein sehr kontroverses Thema ist, insbesondere bei fundamentalistischen Christen. Ich gebe zu, dass ich dieses Thema auch nicht vollständig verstehe, aber ich möchte nachfolgend zum Nachdenken anregen. 

 

Inzwischen wundere ich mich schon etwas, warum viele Christen so leidenschaftlich am Glauben an einen Ort festhalten wollen, an welchem die Gottlosen ewig, das heisst endlos, unbeschreibliche Qualen leiden werden, die schlimmer als alles sein sollen, was wir uns hier auf Erden vorstellen können. Ich möchte einer solchen Haltung den folgenden Bibelvers entgegenhalten:

 

"Doch aber liebet eure Feinde, tut wohl und leihet, dass ihr nichts dafür hoffet, so wird euer Lohn gross sein, und werdet Kinder des Allerhöchsten sein. Denn er ist gütig über die Undankbaren und Bösen." (Luk. 6,35)

 

Das Argument in diesem Vers funktioniert folgendermassen: Weil Gott gütig über die Bösen ist, sollen wir es auch sein. 

 

Wie stellen wir uns eine Seligkeit nach der Auferstehung und dem jüngsten Gericht vor, wenn gleichzeitig die Gottlosen in der Hölle schmoren? Dürfen wir uns nicht etwas von der Feindesliebe Gottes versprechen? Ehrlich gesagt weiss ich die Antworten selber auch nicht genau. Aber ich möchte hier zur Vorsicht aufrufen. Der fundamentalste Satz, den es in der Christenheit gibt, ist von dem Apostel Johannes: "Gott ist Liebe" (1. Joh. 4,8). 

 

Dass hier Vorsicht geboten ist, folgt auch aus einer genaueren Betrachtung der griechischen Worte, die Luther mit "Hölle" übersetzt hat. Erstens gibt es das Wort "hades" (z.B. in Luk. 16,23) welches im Neuen Testament zum Beispiel mit "Totenreich" übersetzt werden könnte. Bezüglich Seligkeit oder Verdammnis ist dieses Wort für sich allein genommen wertfrei: Wer stirbt, kommt ins Totenreich und wartet da auf die Auferstehung (mehr dazu hier). Zweitens gibt es das Wort "gehenna" (z.B. in Matth. 5,29), und dieses Wort stammt vom Begriff "Gehinnom", welches die Ortsbezeichnung eines Tals nahe Jerusalem ist (wo wahrscheinlich der Müll verbrannt wurde). Wenn Jesus aber sagt, "da ihr Wurm nicht stirbt und ihr Feuer nicht verlöscht", dann scheint dies eher auf Vernichtung als auf ewige Qual hinzudeuten. Wenn ein Feuer nicht verlöscht, dann impliziert dies die vollständige Verbrennung dessen, was sich im Feuer befindet, und eigentlich gerade nicht ewiges Weiterleben im Feuer. Dazu kommt, dass das griechische Wort "Äon" nicht nur mit "Ewigkeit" übersetzt werden kann. Es kann auch z.B. "Zeitdauer" bedeuten. 

 

Alle diese Überlegungen sollen aber die Warnungen im neuen Testament, welche auf die "Hölle" Bezug nehmen, nicht verharmlosen. Ich glaube nicht, dass Johannes in Offb. 20,15 leere Worte machte, als er schrieb: "Und so jemand nicht ward gefunden in dem Buch des Lebens, der ward geworfen in den feurigen Pfuhl." Ich bin also kein Vertreter der "Allversöhnung" im absolut universalen Sinn. Man sollte auch Jesu Warnung aus Matth. 25,46 ernst nehmen, aber eben, sie ist eine Warnung und keine Drohung. Und abgesehen von der Frage des persönlichen Schicksals meine ich, dass man die Existenz eines solchen "Feuersees" vor allem als Beweis der Tatsache ansehen sollte, dass Gott mit dem Bösen aufräumen wird. Davon handelt der nächste Abschnitt. 

 

Endgericht

 

Wie könnte Gott im Angesicht des offensichtlich vorhandenen Bösen in der Welt ein Gott der Gerechtigkeit sein, wenn er nicht die Verheissung geben würde, dass Er einmal mit allem Bösen aufräumen wird? Ich bin überzeugt, dass man das Endgericht nicht als eiskalte Strafzumessung mit entsprechendem Strafvollzug verstehen sollte, sondern vielmehr als den Zeitpunkt, wenn Gott endlich "Recht schafft". Was ist damit gemeint? Hier hilft uns ein Gleichnis Jesu weiter: 

 

"Es war ein Richter in einer Stadt, der fürchtete sich nicht vor Gott und scheute sich vor keinem Menschen. Es war aber eine Witwe in derselbigen Stadt, die kam zu ihm und sprach: Rette mich von meinem Widersacher!" (Luk. 18,2-3)

 

In diesem Gleichnis ist der Richter nicht der Strafende, sondern der Rettende! Das ist Gottes Gericht: Er schafft den Unterdrückten Recht. Davon handelt auch der ganze Psalm 82:

 

"Schaffet Recht dem Armen und dem Waisen und helfet dem Elenden und Dürftigen zum Recht!" (Vers 3)

 

Die Ankündigung des Endgerichts ist Evangelium, also eine frohe Botschaft:  

 

"da Gott das Verborgene der Menschen durch Jesus Christus richten wird laut meines Evangeliums." (Röm. 2,16)

 

Nicht das Endgericht ist grausam. Die Vorstellung, es würde nie ein Endgericht geben, an welchem allen Benachteiligten zu ihrem Recht verholfen und mit allem Bösen aufgeräumt wird: Diese Vorstellung wäre grausam.

Weiter zu Fehlvorstellung des freien Willens und das Geheimnis der Vorherbestimmung.

 

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