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Fehlvorstellung des freien Willens und das Geheimnis der Vorherbestimmung

 

Warum leiden Menschen?

 

Auf die Frage "Warum gibt es Leid in dieser Welt" antworten viele Christen (leider) mit der allzu oberflächlich dahin geworfenen Bemerkung "weil der Mensch einen freien Willen hat". Genauer gesagt funktioniert dieses Argument in etwa so: Gott ist zwar schon gütig und hat keine Freude an menschlichem Leid, aber die Menschen haben ja einen freien Willen und wenden sich selber von Gott ab. Wenn sie sich also von Gott nicht helfen lassen wollen, dann kann Gott ihnen auch nicht helfen. Gott zwingt schliesslich niemanden. 

 

Ich meine, dass man bei Aussagen, welche die Worte "Gott kann nicht" enthalten, sehr vorsichtig sein sollte. Ich erinnere mich, von Ewald Frank die folgende Aussage gehört zu haben: "Wer Gott nicht glaubt, dem kann auch Gott nicht helfen." Nun, wieso konnte dann dem ungläubigen Thomas geholfen werden (Joh. 20,25ff)? 

 

Alle, die in einem christlichen Elternhaus aufgewachsen sind und ihren freien Willen, mit dem sie sich dem christlichen Glauben "zugewandt" haben, so wichtig nehmen, sollten sich fragen: Hätte ich mich auch so einfach für den christlichen Glauben "entschieden", wenn ich als Sohn oder Tochter eines muslimischen Imams aufgewachsen wäre? Oder in einem atheistischen Elternhaus? 

 

Wenn man etwas genauer darüber nachdenkt, dann muss man recht schnell zum Schluss kommen, dass der freie Wille auf die wichtigsten Schlüsselelemente im Leben eines Menschen keinen Einfluss hat. In welcher Zeit wird man geboren? In welcher Religion und in welchem Elternhaus? Hat man einen Einfluss auf die Existenz des zukünftigen Ehepartners? Hat man Einfluss auf Krieg oder Frieden? 

 

Seien wir ehrlich: Der Satz "der Mensch hat halt einen freien Willen" bedeutet im Grunde nichts anderes als "man ist halt selber Schuld". In vielen Situationen ist diese Haltung aber sehr unbarmherzig. 

 

"Entscheidung für Christus"?

 

In vielen Gemeinden wird gelehrt, dass man durch eine "freie Willensentscheidung für Christus" wiedergeboren wird. Erstaunlich aber ist: Im neuen Testament enthalten Aufforderungen zur Bekehrung niemals die Worte "Entscheidung" oder "freier Wille". Warum wohl nicht? 

 

In Röm. 2,4 steht: "Weisst du nicht, dass dich Gottes Güte zur Busse (Umkehr) leitet?" Das bedeutet: Gott gewinnt unser Herz durch seine Freundlichkeit! Es stimmt schon: Zwang kann ein Herz nicht verändern, aber Liebe kann es. Wieso sollte es Gott nicht möglich sein, ein ungläubiges Herz durch seine Liebe zu gewinnen? 

 

Eine Entscheidung im biblischen Sinn wird durch das Gleichnis vom verborgenen Schatz im Acker sehr gut illustriert. Matth. 13,44: "Abermals ist gleich das Himmelreich einem verborgenen Schatz im Acker, welchen ein Mensch fand und verbarg ihn und ging hin vor Freuden über denselben und verkaufte alles, was er hatte, und kaufte den Acker." War die Entscheidung, den gesamten Besitz zu verkaufen, schwierig? Musste dieser Mensch zuerst gründlich abwägen? Musste er sich innerlich überwinden und einen schweren Entschluss fassen? Wohl kaum. Und man muss fragen: Welchen Einfluss hatte sein "freier Wille" darauf, dass er diesen Schatz im Acker überhaupt erst fand? Keinen. 

 

Die folgenden Bibelstellen können, so meine ich, nicht einfach ignoriert werden:

 

"Ich weiss, Herr, dass des Menschen Tun steht nicht in seiner Gewalt, und steht in niemands Macht, wie er wandle oder seinen Gang richte." (Jer. 10,23)

 

"Es kann niemand zu mir kommen, es sei denn, dass ihn ziehe der Vater, der mich gesandt hat" (Joh. 6,44)

 

"Aber nicht allein hier ist es so, sondern auch bei Rebekka, die von dem einen, unserem Vater Isaak, schwanger wurde. Ehe die Kinder geboren waren und weder Gutes noch Böses getan hatten, da wurde, damit der Ratschluss Gottes bestehen bliebe und seine freie Wahl - nicht aus Verdienst der Werke, sondern durch die Gnade des Berufenen..." (Röm. 9,10-12)

 

"So liegt es nun nicht an jemandes Wollen (= freier Wille?) oder Laufen (= Werke), sondern an Gottes Erbarmen... So erbarmt er sich nun, welches er will, und verstockt, welchen er will." (Röm. 9,16+18)

 

"Denn aus Gnade seid ihr selig geworden durch den Glauben - und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es -, nicht aus den Werken, auf dass sich nicht jemand rühme." (Eph. 2,8-9)

 

Gottes Vorherbestimmung - das "schreckliche Dekret"?

 

Viele können den Gedanken nicht ertragen, dass Gott gewisse Menschen zur Verdammnis vorherbestimmt, ohne dass sie gefragt werden. John Wesley hielt eine berühmte Predigt mit dem Titel "Free Grace" gegen die calvinistische Lehre der Vorherbestimmung. Darin nennt er diese Lehre "das schreckliche Dekret", (engl. "the horrible decree"). Einige Christen, die trotzdem an die Auserwählung glauben wollen, versuchen sich folgendermassen herauszureden: Sie würden zwar an die Auserwählung zur Seligkeit glauben, aber nicht an die Vorherbestimmung zur Verdammnis. Nun muss ich John Wesleys Argument in seiner Predigt "Free Grace" aber zustimmen: Diese Unterscheidung ändert überhaupt nichts! Wenn Gott einige zur Seligkeit auserwählt, dann sind die anderen indirekt zur Verdammnis vorherbestimmt. 

 

Nun, auf diese Diskussion möchte ich tatsächlich gar nicht näher eingehen. Warum nicht? Weil ich der Überzeugung bin, dass solche Diskussionen über die Lehre der Vorherbestimmung den entscheidenden Punkt verfehlen. Ich meine: Bibeltexte, aus welchen man diese Lehre ableitet, machen in erster Linie gar keine Aussage über Gott, sondern über uns! 

 

Um was geht es wirklich?

 

Der Lehre der Vorherbestimmung wird in der Regel der folgende Bibelvers entgegengehalten: "... vor Gott, unserm Heiland, welcher will, dass allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen" (1. Tim. 2,3-4). Dieser Vers ist eine Aussage über Gottes Willen! Gott sei gelobt, dass Gott uns allen helfen will. 

 

Wie sollen wir nun die Bibelstellen einordnen, welche von der göttlichen Vorherbestimmung handeln? Antwort: Sie sind in erster Linie eine Aussage über den Zustand des sündigen Menschen, und nicht eine Aussage über Gott:

 

"Da aber der Herr sah, dass der Menschen Bosheit gross war auf Erden und alles Dichten und Trachten ihres Herzens nur böse war immerdar" (1. Mose 6,5). 

 

Das sind starke Worte: "alles", "nur", "immerdar"! Wenn "alles Dichten und Trachten des Herzens nur böse" ist, woher soll der Mensch dann seine "Entscheidung für Christus" nehmen? 

 

Und noch eine Frage: Wenn Adam vor dem Sündenfall einen freien Willen hatte (wovon ich auch ausgehe), und mit "freiem Willen" in Sünde gefallen ist, wie sollte ein Sünder mit einem durch die Sünde verderbten freien Willen wieder zurück aus der Sünde heraus finden? 

 

Der Sündenfall bestand im Wesentlich darin, dass der Mensch die Kontrolle über sein Leben selber in die Hand nehmen wollte. Er wollte also selber über sein Wohlbefinden entscheiden (siehe hier). Inwiefern sollte dann eine selber getroffene Entscheidung das geeignete Heilmittel sein, welches die Sünde wieder rückgängig machen könnte? Müsste die Umkehr des Sündenfalls nicht Vertrauen auf Gottes gütigen Willen sein, und nicht eine menschliche Entscheidung?

 

Vielen protestantischen Christen ist nicht bekannt, dass eines der wichtigsten Bücher Martin Luthers den Titel "Vom unfreien Willen" (1525) trägt. Darin bringt Luther den Kern, um den es in der Frage vom freien Willen geht, auf den Punkt:

 

"Gott verheisst den Demütigen, das heisst denen, die an sich verzweifelt sind und sich aufgegeben haben, mit Bestimmtheit seine Gnade. Ganz und gar aber kann sich kein Mensch eher demütigen, bis dass er weiss, dass seine Seligkeit vollständig ausserhalb seiner Kräfte, Absichten, Bemühungen, seines Willens und seiner Werke gänzlich vom Belieben, Beschluss, Willen und der Tat eines anderen, nämlich Gottes allein, abhänge. Wenn er nämlich im Vertrauen auf sich selbst bleibt - und das tut er so lange wie er sich einbildet, er vermöge auch noch so wenig für seine Seligkeit zu tun - und nicht von Grund auf an sich verzweifelt, so demütigt er sich deswegen nicht vor Gott, sondern vermutet oder hofft oder wünscht wenigstens Gelegenheit, Zeit oder irgendein gutes Werk, dadurch er dennoch zur Seligkeit gelange. Wer aber wirklich nicht daran zweifelt, dass alles vom Willen Gottes abhänge, der verzweifelt völlig an sich selbst, wählt nichts eigenes, sondern erwartet den alles wirkenden Gott. Der ist am nächsten der Gnade und der Seligkeit."

 

Darum also geht es: Um die Vernichtung unseres Hochmuts, und um Gottes Ehre. Natürlich lieben die Protestanten Luthers Lehre, dass man nicht durch Werke selig werden könne. Aber haben sie auch verstanden, dass es dabei nicht darum geht, sich auf einem bequemen Kissen auszuruhen, sondern darum, dass sich vor Gott niemand rühmen kann? Hat der religiöse Trieb des Menschen mit der "Entscheidung für Christus" nicht eine Art Ersatzwerk geschaffen, auf das man stolz sein kann? 

 

Weil also der Kern, um den es bei der Auserwählung geht, die Demütigung des Menschen ist, weil er anerkennen muss, dass ihm seine eigenen Werke, seine eigenen Entscheidungen und sein eigener Glaube nichts helfen, deshalb sollte man sehr vorsichtig sein, mit dieser Lehre eine Aussage über Gott abzuleiten. Luther warnt vor Spekulationen darüber, wie Gottes Vorherbestimmung funktioniert, und auch vor unnötigem Grübeln darüber, ob man auserwählt sei oder nicht. In seiner Vorrede zum Römerbrief schreibt er:

 

"Im neunten, zehnten und elften Kapitel handelt Paulus von der ewigen Vorsehung Gottes, aus der hervorgeht, wer glauben oder nicht glauben wird, wer von Sünden loskommt oder nicht, womit alles aus unsern Händen genommen und allein in Gottes Hand gegeben ist, dass wir fromm werden. Und das ist auch äusserst notwendig. Denn wir sind so schwach und unsicher, dass, wenn es nur an uns läge, kein einziger Mensch selig würde, der Teufel vielmehr alle mit Sicherheit überwältigen würde. Aber da Gott genau weiss, dass das, was er vorherbestimmt, nicht fehlgeht, noch jemand ihm wehren kann, bleibt uns Hoffnung gegen die Macht der Sünde." 

 

Und dann fährt er fort:

 

"Aber hier ist den frevelhaften und hochfahrenden Geistern eine Grenze zu setzen, die ihren Verstand gerade auf diesen Punkt konzentrieren und damit anfangen, vorweg den Abgrund göttlicher Vorherbestimmung zu erforschen und sich vergeblich bemühen herauszufinden, ob sie vorherbestimmt sind. Die stürzen sich damit selbst ins Unglück, sofern sie entweder verzagen oder alles aufs Spiel setzen."

 

Gott hat in der Heiligen Schrift überhaupt nichts darüber offenbart, wie seine Auserwählung funktioniert, darum sollte man sich darüber nicht den Kopf zerbrechen. 

 

Ich fasse zusammen: Die Tatsache der Vorherbestimmung macht eine Aussage über die Unfähigkeit des Menschen, sich selber zu erlösen, und nicht über das Wesen Gottes. Umgekehrt macht die Tatsache, dass Gott allen helfen will, eine Aussage über Gottes Wesen, aber nicht über unseren vermeintlichen freien Willen. 

 

Und was ist mit Gottes Geboten?

 

Von Vertretern des "freien Willens" hört man häufig das folgende Argument: "Wenn Gott ein Gebot gegeben hat, dann muss der Mensch auch die Fähigkeit haben, es zu erfüllen." Das heisst: Weil Gott den Menschen gebietet, Busse zu tun und umzukehren, deshalb müssen sie auch die entsprechende Fähigkeit haben. Tatsächlich hat Erasmus von Rotterdam so argumentiert, auf dessen Schrift "Vom freien Willen" Luther mit seiner Schrift "Vom unfreien Willen" geantwortet hat. 

 

Ja tatsächlich, in 5. Mose 30,19 steht: "... ich habe euch Leben und Tod, Segen und Fluch vorgelegt, dass du das Leben erwählest..." Auch wenn ein Prediger des Evangeliums wie John Wesley diesen Vers benützt, um den freien Willen zu beweisen: Er beweist genau das Gegenteil! Denn der Zweck des Gesetzes im alten Testament war doch genau, die Sünde zu offenbaren! Paulus schreibt:

 

"... darum dass kein Fleisch durch des Gesetzes Werke vor ihm gerecht sein kann, denn durch das Gesetz kommt Erkenntnis der Sünde." (Röm. 3,20)

 

und

 

"Christus aber hat uns erlöst von dem Fluch des Gesetzes, da er ward ein Fluch für uns..." (Gal. 3,13)

 

Der "Fluch des Gesetzes", das ist genau der Fluch aus 5. Mose 30,19! Ich kann nur davon abraten, diesen Vers als Wegweiser zur Erlösung zu verstehen. Gott hat zwar nicht gelogen: Wer 5. Mose 30,19 erfüllen kann, der hat auch die Verheissung des Lebens. Aber nur Jesus konnte es...

 

Auch Martin Luther erklärt es in "Vom unfreien Willen" so: Ein Gebot Gottes sagt nur etwas darüber aus, was wir tun sollen, aber nicht, ob wir es auch können. So genau sollte man die Heilige Schrift lesen ohne zusätzliche Annahmen hineinzulegen. 

Gottes Vorherbestimmung ist keine Bedrohung, sondern eine Entlastung für alle, die ihren sündigen Zustand erkennen können. Auf Gottes Barmherzigkeit sollen wir uns verlassen, nicht auf eine freie Willensentscheidung. 

Weiter zu Die Bedeutung des Kreuzes Christi und Heilsgewissheit.

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